Im Zentrum der Revolution
vom: 21.12.2011
Die von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) geförderte Deutsche Schule der Borromäerinnen in Kairo liegt in unmittelbarer Nähe des Tahrir-Platzes. Schulleiter Walter Ritter gab der Nachrichtenagentur dapd am 18. Dezember ein Interview, in dem er von der aktuellen Situation der Schule berichtete.
Quelle: Deutsche Schule der Borromäerinnen KairoEigentlich sollten die Kinder der Deutschen Schule der Borromäerinnen in Kairo wie jeden Samstag Unterricht haben. Doch als am vergangenen Wochenende abermals dunkle Rauchsäulen vom benachbarten Tahrir-Platz aufsteigen, mussten die Schulstunden abgebrochen werden. "Um 12.00 Uhr beendeten wir den Unterricht und fuhren die Kinder nach Hause"
, erinnert sich Schulleiter Walter Ritter. Die ägyptischen Mädchen sollen auf der Schule die deutsche Kultur kennenlernen. Die Revolution erschwert dieses Vorhaben.
"Nach den ersten Ausschreitungen am Freitag war ich noch nachmittags in der Schule, die inzwischen durch eine Mauer, Panzer und Stacheldraht hermetisch abgeriegelt ist"
, beschreibt Ritter die Situation wenige Stunden nach Beginn der Gewalt. Es sei in der Schule absolut ruhig und sicher gewesen, "obwohl diesmal drei Straßen weiter Demonstranten zu Tode kamen"
.
Die Schule ist laut Ritter als einzige von insgesamt fünf deutschen Schulen Kairos im Zentrum der Stadt - nur rund 500 Meter vom Tahrir-Platz entfernt. Unmittelbar hinter dem Schulgebäude liegt das Innenministerium. "Wir sind einfach mittendrin"
, sagt Ritter. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Einrichtung eine reine Mädchenschule. Derzeit werden rund 750 ägyptische Schülerinnen nach deutschen Lehrplänen unterrichtet.
Knapp 20 Schulbusse steuern täglich aus allen Stadtteilen die Schule an. Der Weg führt die Busse direkt über den Tahrir-Platz. Manchmal werden die Fenster der Fahrzeuge mit Tüchern abgehängt. Damit soll verhindert werden, dass die Kinder mitbekommen, was sich draußen abspielt. Kurz nach den blutigen Auseinandersetzungen Anfang Oktober ließ der Schulleiter die ägyptische Aufschrift auf den Bussen überkleben. Die Schriftzug "Schule der Borromäerinnen" hätte die Kinder als Christen identifiziert und in Gefahr gebracht.
Quelle: Deutsche Schule der Borromäerinnen KairoAus den Erfahrungen der ersten Ausschreitungen im Februar hat die Schule ein SMS-System entwickelt. "Damit können wir innerhalb von einer halben Stunde allen Eltern und Lehrern sagen, ob der Unterricht ausfällt"
, sagt Ritter. Auch das Internet wird von der Schule genutzt. Nach den letzten schweren Unruhen Ende November war die Schule für knapp zwei Wochen geschlossen. In dieser Zeit unterrichteten die Lehrer ihre Schülerinnen online. Mit einem Programm können Lehrer und Schüler chatten und Unterrichtsmaterialien austauschen. Es sei natürlich viel aufwendiger, da jedes Mädchen, dass eine Mail schickt, auch eine Antwort erhalten muss, sagt Ritter.
Ganz in der Nähe der deutschen Schule befindet sich das Goethe-Institut in Kairo. Auch hier, etwa 100 Meter vom Tahrir-Platz entfernt, hat sich der Alltag seit Beginn der Ausschreitungen geändert. Zahlreiche neue Projekte haben die inhaltliche Arbeit des Instituts seit dem Ausbruch der Revolution geprägt. Hierzu zählt unter anderem die sogenannte Tahrir-Lounge. "Anfang des Jahres als die Revolution auf dem Platz ausgebrochen war, benötigten die Aktivisten einen Raum als Treffpunkt"
, sagt die Leiterin des Goethe-Instituts in Kairo, Gabriele Becker.
Quelle: Deutsche Schule der Borromäerinnen KairoEin kleines Team von jungen Leuten erstellt in der Tahrir-Lounge Programme zur politischen Bildung und zu Fragen des Aufbaus einer Zivilgesellschaft in Ägypten. Dabei werden laut Becker auch Themen wie Meinungsfreiheit, unabhängiger Journalismus und Umwelt behandelt. Darüber hinaus gründete das Institut den Web-Blog Transit. Die jungen Menschen nutzen diese Internetplattform, um "Wünsche, Träume und Hoffnung, die sie jetzt zu formulieren wagen"
, zu veröffentlichen, sagt Becker. Das Webprojekt soll in Zukunft "als begleitendes Instrument der demokratischen Veränderung"
, weiter ausgebaut werden.
An der Deutschen Schule der Borromäerinnen hofft der Schulleiter, dass diese Veränderung in Zukunft weniger gewalttätig verlaufen wird als in den vergangenen Tagen. "Wir sind im Grunde vollkommen im Unklaren, wie es weitergeht"
, sagt Ritter. Sollte es erneut zu schweren Auseinandersetzungen kommen, besteht die Möglichkeit, in einem anderen Stadtteil eine ehemalige britische Schule zu beziehen. Das Problem sei jedoch, dass das Gebäude seit zwei Jahren völlig leer steht. Eine Schule mit 750 Kindern umzuziehen ist sehr aufwendig. "Wollen wir hoffen, dass es nicht soweit kommt"
, sagt Ritter.
Quelle: dapd




